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Samstag, 18. Juni 2022

»Phänomenologie des Geistes« - ein Werk des deutschen Idealismus


Die kühnsten Denkgebäude der Philosophiegeschichte entstanden im Deutschen Idealismus. Der Leitgedanke dabei war, dass der Geist die Welt nicht nur erkennt, sondern in gewisser Weise auch selbst hervorbringt. Bei Kant und Fichte tut dies der Geist des Menschen; bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist es der absolute Geist, der die Welt, wie wir sie kennen, erschafft.

Hegels »Phänomenologie des Geistes« ist nicht nur kompliziert, es ist vielleicht sogar das komplizierteste, unverständlichste Buch der ganzen Philosophiegeschichte. Es betrachtet die Gesellschaft aus dem Blickwinkel der Totalität.

Hegel unternahm auf etwa 600 Seiten den Versuch, die Erscheinungsweisen des menschlichen Geistes zu untersuchen: von Wahrnehmung über Verstand, Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Vernunft, Geist und Religion bis zum "absoluten Wissen", der Philosophie.

Die »Phänomenologie des Geistes« beschreibt nichts weniger als den Aufstieg des Geistes zu immer höheren Entwicklungsstufen, von der Sinneswahrnehmung über die Vernunft bis zum »absoluten Wissen«. Der Geist ist also nicht einfach da. Er manifestiert sich vielmehr in einem dynamischen, geschichtlichen Prozess, er kommt erst zu sich selbst. Das »Absolute« ist das große Ganze – die Welt, wie sie wirklich ist. Doch die wahre Realität, das ist für Hegel nicht die Materie, sondern der Geist selbst. Das führt zur atemberaubendsten Kreisbewegung der Philosophiegeschichte: »Absolutes Wissen« ist dann erreicht, wenn der Geist erkennt, dass das Ziel seiner Suche nichts anderes ist als er selbst.

Hegel geht die Sache recht forsch an. Gemeinhin hielten Philosophen das Erkennen für eine Art Instrument, mit dem wir die Wirklichkeit erfassen, sagt Hegel in der Einleitung der »Phänomenologie«. Damit unterscheiden sie aber schon zwischen dem erkennenden Subjekt und der Wirklichkeit. Das Problem ist natürlich, dass jedes Instrument die Realität verzerren kann. Das führt zwangsläufig zur skeptischen Frage, woher wir dann wissen, dass unsere Überzeugungen überhaupt wahr sind. Aber wenn wir immer nur fürchten, Fehler zu machen, kommen wir in der Erkenntnis der Wirklichkeit nicht weiter. Hegels radikale Schlussfolgerung lautet, die skeptische Frage überhaupt zu verwerfen. Schwimmen lernen wir schließlich auch nicht, wenn wir nie ins Wasser gehen.

Hegel vollendete die Schrift in Jena gerade zu jener Zeit, als Napoleon sich anschickte, den Preußen in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt eine vernichtende Niederlage beizubringen. Kein Wunder, dass Hegel in Napoleon den "Weltgeist zu Pferde" vorbeireiten zu sehen meinte.


Hegels Werk ist nicht nur - neben Fichtes und Schellings - eine weitere Ausformung des deutschen Idealismus, sondern außerdem eines der bekanntesten und meistkommentierten Werke der Philosophie überhaupt. Vor allem dank des Prinzips der Dialektik:

Aus einer Folge von Negationen entwickelt sich der Geist, aber auch die Wirklichkeit zu immer höheren Formen. Dies lässt sich in den kleinsten Erscheinungen der Natur ebenso beobachten wie in der Geschichte der Menschheit. Hegels Ruhm mehrte sich mit seinen Kritikern und Interpreten. Zu den bekanntesten gehört Karl Marx, der einige Elemente von Hegels Systems "vom Kopf auf die Füße" stellen wollte.


Weblinks:

Philosophie Hegels - Philolex - www.philolex.de

Georg Wilhelm Friedrich Hegel - Die Welt ist Geist - Youtube - www.youtube.com


Literatur:

Phänomenologie des Geistes
Phänomenologie des Geistes
von Georg Friedrich Wilhelm Hegel

Samstag, 4. April 2020

»Hegel: Der Weltphilosoph« von Sebastian Ostritsch


Hegel: Der Weltphilosoph

Hegel: Der Weltphilosoph

Pünktlich zu Hegels 250.Geburtstag im August ist die Hegel-Biografie von Sebastian Ostritsch erschienen. Ostrich stilisiert Hegel in seiner Monographie zu einem Weltphilososphen.

In Zeiten, in denen sich die gesellschaftlichen Gräben weiter vertiefen und ein striktes Entweder-oder das Denken beherrscht, ist Hegels Philosophie des Sowohl-als-auch so aktuell wie nie zuvor. Leichtfüßig und souverän bringt uns Sebastian Ostritsch das Leben und die Ideen des letzten großen Systemdenkers der Philosophiegeschichte nahe.

„Alle Dinge“, schreibt Georg Wilhelm Friedrich Hegel, „sind an sich selbst widersprechend.“ Bis heute gilt dieser Satz unter Philosophen als Zumutung, wenn nicht als Skandal. Doch nicht die Verherrlichung des logischen Widerspruchs ist Hegels Ziel, sondern vielmehr dessen Überwindung in einem dynamischen Prozess.

Wer sich mit Hegel auf ein solches Denken einlässt, gerät in einen Rausch, den Sog der Vernunft, auch Dialektik genannt. Dialektik ist für Hegel ein Instrument der Gewinnung von Erkenntnissen. Die Wahrheit einer Sache zeigt sich erst im Zusammenhang mit ihrem Gegenteil. Oder wie der Schwabe Hegel sagen würde: „So isch no au wieder.“ („So ist es nun auch wieder.“)

Abseits ausgetretener, bloß biographischer Pfade und mit angenehmer philosophischer, hier eher untechnisch gemeinter Subsumtionstechnik macht uns Ostrisch "seinen" Hegel im wahrsten Sinne des Wortes lebendig. Und, dies ist das große Plus der Monographie, ohne dabei eine Einordnung in den Kanon der übrigen Zeitgenossen - wie auch der neueren Interpreten zu vergessen. Erfrischend ist auch der unprätentiöse "Sound" von Ostritsch; frei von den vielen Egoismen und Eitelkeiten anderer Autoren.

Literatur:


»Hegel: Der Weltphilosoph« von Sebastian Ostritsch